Abschied

Am Ende flogen die Stunden nur so. Es war fast 24.00 Uhr, bis wir alle im Bett waren. Mit Ausnahme von Julian, der noch bis gegen 2.00 Uhr morgens an seinem Abschiedsgeschenk arbeitete. Einer meiner letzten Gedanken vor dem Einschlafen war „Nur noch neun Stunden. Das kann gar nicht sein.“

Fünf Stunden später klingelte der Wecker. Schlaftrunken wankten wir durchs Haus. Eine letzte Tasse Tee im Stehen gab es. Auf mehr Frühstück hatte niemand Appetit. Frank, der von uns allen morgens am fittesten ist, hätte Brötchen belegt. Jeder bekam eine Tüte und konnte frühstücken, wenn der Hunger kam. Dann wurde das Auto gepackt, ein letztes Foto vor dem Haus aufgenommen. Um 6.10 Uhr fuhren wir los. Nur ein paar Meter und Dörnhagen war Vergangenheit.

Ein bisschen haben wir im Auto geplaudert. Julian schlief schnell ein. Emma und ich brauchten länger. Jonathan, der Gute, hätte das Fahren übernommen und unterhielt sich mit Frank. Um 8.00 Uhr fuhren wir ins Parkhaus des Frankfurter Flughafens ein. Bis wir es in die Abflughalle schafften, verging fast eine halbe Stunde.

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Wir suchten nach einem Café und trafen dabei auf einige Jugendliche aus der PPP-Gruppe. Sie hätten sich gern schon mit Emma unterhalten, doch die verwies auf später. Vor dem Einchecken wollten wir noch ein bisschen Familienzeit haben und Emma ihre Abschiedsgeschenke geben. Julian begann und lüftete das Geheimnis seines langen Wachseins: Er hatte in der vergangenen Nacht ein T-shirt für Emma gestaltet. Das hatte so lang gedauert, weil er von den gemeinsamen Lieblingssprüchen Schablonen erstellt hatte – was für eine Arbeit – und diese dann auf dem T-shirt ausgemalt hatte. Da flossen die ersten Tränen.

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Wir hatten zwei Geschenke für Emma. Als erstes bekam sie einen Anhänger für ihr Pandora-Armband. „Our Family“ steht darauf zu lesen. Denn das sind wir übers Jahr geworden: eine Familie. Schade nur, dass es diesen Anhänger nicht auf Deutsch gab. Aber egal, Hauptsache, dass Emma weiß, dass sie nun zwei Familien hat, eine in Richmond, Virginia und eine in Dörnhagen in Nordhessen. Der Anhänger ist eine Erinnerung.

Das letzte Geschenk war ein Abschiedsbuch. Dazu an anderer Stelle mehr. Als Emma es durchblätterte, flossen die Tränen. Es war eine Achterbahn der Gefühle. Mal lautes Lachen, mal starkes Schluchzen. Und ganz viele Umarmungen.

Glücklicherweise hatte ich an Taschentücher gedacht. Die Männder weinten alle, benötigten aber keine Taschentücher. Emma und ich umso mehr. Uns gegenüber am Tisch saß ein Mann, der auf seinen Abflug wartete. Wir baten ihn darum, ein Foto von uns aufzunehmen. Voila!

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Dann ging es zum Check-In, wo schon eine große Gruppe PPPler und PPPlerinnen standen. Es war ein großes Hallo. Die meisten schienen bereits am Vorabend angereist zu sein. Eine Freundin von Emma bot an, ein Familienfoto aufzunehmen. Es ist das letzte in einer Reihe.

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Dann war Emma erst einmal auf sich selbst gestellt. Sie musste ihre Koffer und Taschen einchecken und hatte Glück. Alles passte. Sie musste kein Übergewicht bezahlen. Dafür hatte sie auch einiges aussortiert. Was wieder mal nicht klappte, war die Übergabe von Emmas Wintersachen an die Teamer von Experiment. Schon in Berlin war ihre Kleidung zurückgewiesen worden. Auch diesmal hatte sie keinen Erfolg. Frank und ich beratschlagten uns und entschieden, dass wir die Tüte behalten würden. Vorerst. Emmas Schwester Sophie kommt im August nach Deutschland. Für sie sind die Sachen bestimmt. Sollte sie in eine Gastfamilie in unserer Nähe kommen, würden wir die Sachen dort vorbeibringen. Wenn nicht, werden wir Sophie in Bad Laasphe besuchen und die Wintersachen direkt bei ihr abgeben.

Während Emma wartete, unterhielten wir uns mit Selinas Gastfamilie und tauschten Eindrücke des Jahres aus. Wie wir sind sie auch eine Familie mit zwei Söhnen, die für ein Jahr eine Tochter aufgenommen hatte. Viele Entwicklungen scheinen bei beiden Mädchen parallel verlaufen zu sein. Wir sind gespannt, wie es weitergeht mit unseren Töchtern auf Zeit.

Inzwischen war Emma wieder bei uns angelangt. Der erste Teil der Gruppe war von den Teamern schon zum Abfluggate geleitet worden und es war klar, dass auch der zweite Teil bald gehen würde. Doch als es dann soweit war, traf es uns trotzdem hart. Was uns davon abhielt, ganz verzweifelt zu sein, war die Tatsache, dass Emma wiederkommen wird, irgendwann um Weihnachten herum. Das machte den Abschied etwas leichter.

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Zuerst war Frank an der Reihe

Brüder sind nicht mit Geld zu bezahlen. Und Schwestern schenkt der liebe Gott. Ich weiß gar nicht, wie oft ich Emma umarmt habe. Ist es nicht erstaunlich, dass eine ganze Familie ein „fremdes“ Kind so ins Herz schließen kann? Immer wieder umarmten wir uns und dann musste Emma wirklich gehen. Wie gut, dass sie nicht allein war, sondern dass Freundinnen und Freunde bei ihr waren, die ganz ähnliches durchmachten.

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Und dann waren wir endgültig wieder zu viert. Mit den Resten von Emmas Gepäck machten wir uns auf dem Weg zum Auto. Es war viel später, als wie angenommen hatten, denn ursprünglich hatte es gehießen, dass wir Emma um 9.00 Uhr abgeben sollten. Erfreulicherweise hatten wir mehr Zeit gehabt für den Abschied. Als wir bereits eine Weile im Auto saßen, fragte Frank plötzlich: „Ob sie schon losgeflogen ist?“ Also schnell das Handy zücken und nachsehen.

Ein bisschen fühlten wir uns, als flögen wir mit. Inzwischen sind wir schon ein paar Stunden zu Hause. Emma ist noch in der Luft und das wird sich für die nächsten Stunden nicht ändern. Ich bin gespannt, ob sie tatsächlich am Sonntag noch zu Seminaren musste. Wenn sie in Washinton ankommt, ist sie schon einige Stunden auf den Beinen. Das ist ein anstrender Tag.

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