Acht Fragen – 1

Die Bundestagsverwaltung möchte ihre Seite zum Parlamentarischen Patenschaftsprogramm (CBYX = Congress Bundestag Youth Exchange) etwas abwechslungsreicher gestalten und bittet daher ein paar Gasteltern um Originaltöne. Ich wurde auch angeschrieben und sagte zu. Es ergab sich ein netter Mail-Austausch an dessen Ende eine Word-Datei mit acht Fragen stand. Hier sind sie:

Sammlung von Interview-Fragen:
1 – Was hat Sie bewogen, einen PPP-Stipendiaten als Gastkind aufzunehmen?
2 – Was waren Ihre Erwartungen an Ihren Gast?
3 – Wie war der erste Tag mit Ihrem Gastkind?
4 – Was war bisher Ihr schönstes Erlebnis mit Ihrem Gastkind?
5 – Haben Sie davon profitiert, Gastfamilie zu sein?
6 – Welche Pflichten haben Sie als Gastfamilie?
7 – Welche Tipps haben Sie für zukünftige Gastfamilien?
8 – Was hat Sie am meisten überrascht in der Zeit mit Ihrem Gastkind aus den USA?

Gar nicht so einfach, diese Fragen. Schon die erste ist nur schwer beantworten. Warum haben wir Emma aufgenommen? Vor allem, nach dem wir nach unserem ersten Gastkind aus Japan gesagt hatten „nie wieder“. Nun, vielleicht muss ich – zumindest für diesen Blog hier – ganz am Anfang beginnen.

Vor ein paar Jahren ging eine Schülerin des Friedrichsgamnasiums in die USA. Die Eltern wurden von der Austauschorganisation gefragt, ob sie nicht das freie Zimmer ihrer Tochter einem Gast zur Verfügung stellen würden. Das wollte die Familie nicht, leitete aber die Mail mit der Bitte um Weiterleitung an den Elternbeirat weiter – also an mich Im Anhang der eMail befand sich eine Liste von Schülerprofilen, die ich mir ansah. Auf einer Seite war eine 15-jährige Spanierin zu sehen, die eine deutsche Gastfamilie suchte. Sie wünschte sich Geschwister und einen Hund. Außerdem spielte sie Bratsche. Die könnte zu uns passen, fand ich und erzählte meiner Familie davon. Jonathan, Julian und Frank schauten sich die Seite an und gaben mir recht. Aus dem Gedanken wurde aber für lange Zeit keine Aktion. Als ich irgendwann zum Telefonhörer griff, war diese Schülerin schon nicht mehr aktuell.

Der Gedanke schwirrte aber weiter in meinem Kopf herum und auch der Rest der Familie fand die Idee attraktiv, ein Gastkind für ein Jahr aufzunehmen. Wir bewarben uns bei mehreren Organisationen (Experiment e.V., American Field Service und Youth For Understanding – alles gemeinnützige Vereine) als Gastfamilie. Das Procedere ist überall recht ähnlich. Man füll einen Fragebogen aus aus – möglichst ehrlich, denn das Gastkind wird passend dazu gesucht. Es bisschen macht man sich schon nackig dabei. Neben den Fragen nach den Hobbys kommen auch solche nach dem Alltagsleben. Doich um so ehrlicher man ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, ein Gastkind zu bekommen, das gut zum Rest der Familie passt. Die Organisationen schauen sich den Fragenbogen in aller Ruhe an und schicken dann Ehrenamtliche, die nachsehen, ob die Familie wirklich komplett hinter dem Wunsch nach einem Gastkind steht und ob die ganzen Gegebenheiten passen. Als es mehr als ein Jahr später dann endlich so weit war, kam Yuma aus Japan über den American Field Service zu uns. Wir hatten uns vorher nie mit japanischer Kultur auseinandergesetzt und stellten fest, dass wir in vielem sehr weit voneinander entfernt waren. Das Jahr war durchaus anstrengend. Darum atmeten wir durch, als es vorbei war und kamen zu dem oben genannten Ergebnis.

Trotzdem war Emma für ein Jahr bei uns. Wie das kam? Wir hatten uns bei Experiment e.V. registrieren lassen. Dort wusste man im Frühsommer 2018 natürlich nicht, dass wir bis Januar 2018 einen Gast gehabt hatten. Darum bekam ich unverhoffterweise einen Anruf einer netten jungen Dame, die mich fragte, ob wir nicht Interesse hätten, jemanden für ein Jahr auszunehmen. Ich lachte und erzählte von unseren Erlebnissen mit Yuma. Die Dame von Experiment bemerkte sehr weise, Japaner seien die Kür für Gasteltern. Ein japanisches Kind aufnehmen, das ginge erst, wenn man schon Gastelternerfahrung hätte. Ha! Die hatten wir ja nun. Aber: Danke nein, wir wollen nicht. Doch dann erzählte sie von  einem Jungen, der ganz genau zu Julian passen würde. Ich war neugierig geworden und erhielt das Profil des Knaben.

Als ich Emma davon erzählte, lachte sie. Sie hatte ihn während des Sprachcamps in Bad Laasphe kennengelernt und meinte, es sei unser Glück, dass wir ihn nicht genommen/bekommen hätten. Wenn dieser Junge und Julian zusammen gewesen wären, hätte Chaos pur geherrscht Tatsächlich waren wir nach erster Ablehnung dann doch nicht mehr ganz so abgeneigt. Der Junge hörte sich ganz nett an und Julian meinte, nachdem Jonathan Yuma gehabt hätte, wurde er auch gern ein Gastkind „haben“. Und irgendwie ist es ja auch ganz nett mit einem Gast aus einem anderen Land. Wir überlegten und überlegten, baten Experiment e.V. darum, uns den Jungen eine Weile zu „reservieren“ und überlegten weiter. Die Frist war schon ein paar Tage abgelaufen, als wir tatsächlich soweit waren, noch einmal einen Gast aufzunehmen. Doch wir bekamen eine Absage. Der Junge hatte am Tag zuvor eine Familie gefunden. „Dann soll das so sein“, sagte ich. „Na ja“, meinte die nette junge Dame, nachdem sie mir ein paar weitere Jungen „angeboten“ hatte, die aber überhaupt nicht für uns in Frage kamen: „Sie wollen ja unbedingt einen Jungen. Ich hätte ein Mädchen für Sie, das wunderbar zu Ihrer Familie passen würde.“ Ein Mädchen? So weit waren wir in Gedanken nie gegangen. Würde ein Mädchen denn bei uns sein wollen? Nun ja, die Kinder werden normalerweise nicht gefragt, ob sie in eine bestimmte Familie wollen oder nicht. Aber nach unseren Erfahrungen mit Yuma, der so enttäuscht war, dass er hier nicht in einem höherklassigen Fußballverein spielen konnte, waren wir vorsichtig geworden.

Als wir Emmas Profil bekamen, wurden wir schwach. Die passt, befanden wir. Es gab aber einige Hürden zu nehmen:

Unsere beiden Söhne. Würde Emma Brüder wollen, vor allem: Fast erwachsene Brüder? Wären auch ihre Eltern einverstanden damit? Das war uns wichtig.

Emma ist Vegetarierin. Ich wollte nicht alles umstellen müssen oder doppelt kochen. Wäre es für sie in Ordnung, mit fleischfressenden Pflanzen auf engstem Raum zu leben.

Last but not least hatte Emma geschrieben, dass sie sich vorstellen könnte, Heimweh zu haben. Dann wollte sie eine katholische Kirche besuchen. Kassel ist Reformationsland. Natürlich gibt es bei uns auch Katholiken, aber die Protestanten überwiegen. Vor allem auf dem Land. Bei akuten Anfällen von Heimweh müsste Emma also zuerst eine Busfahrt unternehmen. Würde Emma überhaupt mit einer evangelischen Familie zusammenleben wollen?

Drei für uns wichtige Fragen. Wir baten Experiment um eine Ausnahme. Emmas Familie sollte unsere Bedenken/Gedanken mitgeteilt bekommen. Wenn Emma sich bewusst auf uns einlassen würde, wollten wir sie gern für ein Jahr aufnehmen. Als grünes Licht aus den USA kam – indirekt über CIEE und Experiment e.V. – sagen wir ja. Erst dann wurde Emma informiert, dass eine Gastfamilie für sie gefunden worden sei.

Und wie schreibe ich das nun für den Bundestag?

1 – Was hat Sie bewogen, einen PPP-Stipendiaten als Gastkind aufzunehmen?

Als im Frühsommer 2018 eine Mitarbeiterin von Experiment e.V. bei uns anrief und mit der Idee konfrontierte, Gastfamilie zu werden, wusste man bei Experiment nicht, dass wir gerade ein halbes Jahr vorher unser erstes Jahr als Gastfamilie hinter uns gebracht hatten. Noch einmal wollten wir nicht Gastfamilie sein, denn mit unserem japanischen Gastkind war es wegen der gänzlich unterschiedlichen Kulturen sehr anstrengend gewesen. Die Mitarbeiterin hatte ein offenes Ohr und hörte aus meiner ersten Ablehnung eine mögliche Bereitschaft. Nicht unberechtigt, denn sonst wäre Emma nicht bei uns gelandet. Sie klärte mich über den Unterschied eines „normalen“ Auslandjahres und dem Parlamentarischen Patenschaftsprogramm auf. Das klang spannend für mich und den Rest der Familie. Was aber ganz klar war: Wenn wir uns noch mal auf das Abenteuer Gastkind einlassen würden, dann müsste es jemand sein, der wirklich zu uns passt. Der erste Vorschlag, ein Junge im Alter unseres jüngeren Sohns Julian,  wurde lange diskutiert. Wobei die Diskussion in erster Linie darum ging, ob wir überhaupt noch einmal jemanden aufnehmen wollten. Der Junge selbst schien prima in unser „Familienprofil“ zu passen. Wir überlegten zu lange, denn er war schon vergeben, als wir zusagen wollten. „Ein Mädchen wollen Sie ja nicht, denn da hätte ich jemanden, der perfekt wäre“, sagte die Experiment-Mitarbeiterin. An ein Mädchen hatten wir gar nicht gedacht. „Ja, geht denn das? – Geben Sie Mädchen an Familien mit Jungen?“ Das tut Experiment tatsächlich und wir erhielten Emmas Profil. Nach dem ersten Lesen waren wir uns einig: Die passt. Wenn überhaupt: Wären wir gut genug für sie? Natürlich mussten einige Hürden genommen werden. (Siehe oben)

Doch das beantwortet sicherlich nicht die grundsätzliche Frage nach dem Warum. Warum macht man das? Warum nimmt man einen Jungendlichen aus den USA für ein Jahr auf – ehrenamtlich, ohne dafür finanzielle Unterstützung zu bekommen? Ich glaube, wir sind und waren neugierig auf Neues. Wir haben gern Leben im Haus und sind gern mit Menschen zusammen. Es macht Spaß, einen weiteren jungen Menschen im Haus zu haben, der in Deutschland ganz neue, eigenen Erfahrungen macht. Ja, es ist manchmal anstrengend. Und ja, man könnte stattdessen auch in den Urlaub fahren, denn die Ausflüge, die wir das Jahr über gemacht haben, summieren sich. Aber es macht auch jede Menge Spaß, Gastfamilie zu sein. Vor allem, wenn man Emma im Haus haben kann. 😉

Hattet ihr gedacht, ich würden mit dem Schreiben aufhören? Ein bisschen geht es noch weiter, keine Angst.

Von hier aus viele Grüße nach Richmond, wo Emma sich heute mit ihrem Vater auf den auf die Philippinen Weg macht. Gute Reise, Emmakind!

Wer selbst Lust hat, einen PPPler oder eine PPPlerin aufzunehmen, kann sich hier über das Programm informieren.

Comments

  1. Thanks for sharing the story behind how Emma came to your family 🙂 Emma is already homesick for Germany but you know her, she is moving forward.

  2. Unser Nick, der Japanisch in der Schule hat und, kam mit einem Zettel, wer einen japanischen Gastschüler aufnimmt. Gut, dass sich direkt jemand Anderes gemeldet hat.🤔

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