Weihnachten

Weihnachten kann eine schwere Zeit werden für Gastkinder. Vor allem, wenn sie aus christlich gepägten Ländern kommen und bei ihnen zu Hause Weihnachten gefeiert wird. Schnell kommt dann Heimweh ins Spiel. Und dann ist Weihnachten vielleicht eine nicht so fröhliche Zeit. Wir haben ein schönes Buch namens „Das Gastfamilienhandbuch“ (ISBN 978-3-7431-2668-8). Es ist ausgesprochen empfehlenswert, denn in ihm sind die ganzen Aufs und Abs geschildert, die das Gastkind im Lauf des Jahres durchläuft. Dieses schlaue Buch berichtet, dass bei den meisten Gastschülerinnen und -schülern das Heimweh nach etwa vier Monaten zuschlägt. Wenn man im Spätsommer angekommen ist, ist das dann leider im Advent – gerade dann, wenn es ganz besonders um Familie und/oder Freunde geht, um Menschen, mit denen man gern Zeit verbringen möchte. Ganz anders, als von allen erwartet, stellte sich bei Emma kein Heimweh ein. Sie selbst hatte es bei ihrer Ankunft angesprochen und gemeint, dass sie bestimmt Heimweh haben würde. Wir hatten auch damit gerechnet, doch auf Nachfragen erhielten wir immer die Antwort „Nein, alles gut“. Und zwar immer in einem fröhlichen Tonfall. wir mussten uns keine Gedanken machen. Hier und da war Emma mal nachdenklich – traurig oder von Heimweh geplagt war sie nie.

 

Nun stand unser Weihnachtsfest mit Emma bevor und wir waren alle gespannt. Wie würde es in diesem Jahr sein? Wie die meisten Familien, so haben auch wir unsere Weihnachtraditionen. Manche lassen sich sicherlich auch bei anderen Familien finden, andere wiederum nicht.

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Der Morgen des Heiligen Abend wird mit Vorbereitungen verbracht. Ganz wichtig ist natürlich das Schmücken des Weihnachtsbaums. In diesem Jahr war er ziemlich groß ausgefallen. Und schön. Schon seit einigen Jahren schmücken die Kinder den Baum. Allerdings erst, wenn sie es geschafft haben, die Weihnachtsgeschenke zu verpacken. Auch das ist eine Tradition. Denn selbst wenn die Geschenke schon seit Wochen in den Schränken versteckt sind: Verpackt werden sie erst am 24. Dezember. Niemand weiß, warum das so ist.

Am späten Nachmittag machen wir uns bereit für die ChristvesIMG_3879per. Seitdem Jonathan und Julian nicht mehr beim Krippenspiel involviert sind, ist der Gottesdienst um 17.00 Uhr der einzige, den wir besuchen. Vor ein paar Jahren war das anders: Julian half beim Krippenspielgottesdienst (und wir schauten zu), die ganze Familie ging zur Christvesper und um 23.00 Uhr waren wir wieder da, um Julian in der Christmette Cello spielen zu hören. So muss es in Pfarrerhaushalten immer sein … In diesem Jahr war aber nur ein Gottesdienst eingplant und der war sehr schön, auch wenn Emma der Predigt noch nicht ganz folgen konnte. Etwas machten wird in diesem Jahr allerdings, das nicht zum „Standardprogramm“ gehört: Es gab zwei Erinnerungsfotos in der Kirche. Eins mit der ganzen Familie, das andere mit den drei Geschwistern.

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Zu Hause ging es dann weiter „wie immer“. Zuerst wurden Weihnachtslieder gesungen. Zu neunt (Mit Eltern, Schwester und Schwager) hörte sich das richtig gut an. Emma kannte zwar die deutschen Weihnachtslieder nur zum Teil, doch da sie in der Lage ist, vom Blatt zu singen, merkte man das überhaupt nicht. „Vom Himmel hoch“, „O Tannenbaum“, „Alle Jahre wieder“, „Am Weihnachtsbaume die Lichter brennen“, „Christkinchens Ankunft“ (Kling Glöckchen) bis „Süßer die Glocken nie klingen“ und viele andere mehr wurden gesungen. („Stille Nacht“ und „O du fröhliche“ gab es schon in der Kirche.) Und als dann nichts mehr übrig war, wechselten wir zu den amerikanischen Weihnachtsliedern. Während die deutschen Lieder eher getragen, christlich nund festlich sind, sind die englischsprachigen bzw. amerikanischen doch deutlich fröhlicher. Und so hatten wir einen guten Mix. Und Spaß gemacht hat es auch noch!

IMG_1319Anschließend ging die Bescherung los. Und die läuft immer gleich ab: Einer (oder eine) holt ein Geschenk unterm Weihnachtsbaum hervor und gibt es der Person, für die es ist. Die anderen schauen zu, was es gibt. Das dauert zwar eine Weile, ist aber schön. Traditionell und gerechtigkeitshalber bekommen alle Kinder gleichviel. Für Emma lagen von uns ein Pullover (der ihr in Rothenburg so gut gefallen hatte), eine Handtasche (aus Ulm – das Christkind passt immer auf) und  ein Paar selbstgestrickte Socken unter dem Weihnachtsbaum. Von den Brüdern gab es Schmuck – Ohrringe und ein Armband – und sogar einen „Elektrotechnik-Weihnachtsbaum) von Jonathan. Schade, dass die kostenlose Version von WordPress keine Videos erlaubt. Der leuchtende Weihnachtsbaum ist wirklich sehenswert.

Von den Großeltern gab es eine Tasse vom Kasseler Weihnachtsmarkt und ein Ticket für das „Feuerwerk der Turnkunst“. Wie gut, dass Emma mit Experiment e.V. erst am 8. Januar zum Camp nach Bad Neuenahr fährt, denn die Vorstellung findet am 7. Januar statt. Glück gehabt.

 

Nach der Bescherung wurde erst einmal ein wenig aufgeräum. Inzwischen hatten nämlich alle Hunger und am Heiligen Abend gibt es bei uns traditionell Fondue. Darauf freuen sich alle schon lange vorher. Was macht man aber, wenn das Gastkind Vegetarierin ist? Nun, Emma bekam Käsefondue. Das ist ein ähnlich „langsames“ Essen und passt gut zum Rest. IMG_1339

Und dann begann eine der eher neueren und vermutlich völlig ungewöhnlichen Weihnachtstraditionen. Denn nach dem Essen wird im Haus Ewald-Backes getanzt. Diese Tradition hat auch einen Grund. Der soll an dieser Stelle aber nicht erklärt werden, denn hier können (und sollen) ja alle mitlesen, die mögen. Wer wissen will, wie es zum Tanzen kam, möge mich fragen. Entwickelt hat sich das Tanzen übrigens aus einer Polka. In diesem Jahr kamen unter anderm Cha-Cha, Rhumba und Macarena dazu. Haben wir nicht viele tolle Tänzer im Haus?!?

 

IMG_20181224_235841Falls sich jemand fragen sollte, was ich zu Weihnachten bekommen habe: Unter anderem (und auch zum Geburtstag) einen Canon D77. Mit dieser Kamera sind auch die meisten Bilder aufgenommen. Und da ich so eine Freude an der Kamera habe, bin ich eher selten zu sehen. Was aber nicht schlimm ist; es reicht, wenn ich schreibe und fotografiere. Viele schöne Motive gab es in diesem Jahr. Vor allem die Nahaufnahmen der Christbaumkugeln und des Baumschmucks sind dank der neuen Kamera toll geworden.

 

Am ersten Weihnachtstag frühstücken wir immer alle zusammen bei meinen Eltern. Es gibt frische Brötchen, Lachs, Käse, Marmelade und Sekt. Bei neun Personen nimmt der Tisch die ganze Zimmerbreite ein. Wir frühstücken spät und lassen uns Zeit. Es ist immer so lecker. Außerdem ist es schön, die Zeit miteinander zu verbringen.

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In diesem Jahr mussten die Tradition von erstem und zweitem Feiertag geändert werden, denn Axel musste uns am zweiten Feiertag kurz nach Mittag verlassen. Vor vielen Jahren hat Julian eine WII zum Geburtstag bekommen. Einen Gameboy oder eine Playstation gab es nicht und auch die WII-Zeit wurde (zum Leidwesen unserer Söhne) immer sehr beschränkt. Eines schönen zweiten Weihnachtsfeiertags kamen der Onkel und die Neffen auf die Idee, man könne doch den zweiten Weihnachtstag mit einer Art „WII-Olympiade“ aufpeppen. Skispringen, Slalomlauf, Parkour und Balancieren sind die Disziplinen, die es für alle gibt. Axel teilt in jedem Jahr die Mannschaften ein, übernimmt die Punkteverteilung und die Moderation. Wir haben viel zu lachen bei diesen Spielen. Da die WII praktisch das ganze Jahr über eingemottet ist, macht es umso mehr Spaß, wenn einmal im Jahr Jung und Alt miteinander spielen.

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Überhaupt wird bei uns an Weihnachten viel gespielt. Da wir mit so vielen Leuten etwas finden müssen, das alle spielen können, ist das an dIMG_1574.jpgen Abenden das Kartenspiel „Phase 10“. Jahr um Jahr spielen wir viele Runden. Allerdings schaffen wir es nur seltenst, das Spiel bis zum Ende zu spielen, da man ja mindestens zehn Gewinnrunden benötigt. Es ist überigens fast egal, wie weit wir kommen: Gewinnen tut fast immer Frank (auch wenn er behauptet, dass das nicht stimmt). In diesem Jahr spielten wir auch Carcassonne. Da können immerhin sechs Personen mitspielen. Jonathan ist hier verantwortlich für die Auszählung. Er hat die ganzen Regeln im Kopf, was ich bewundernswert finde.

UIMG_1575nd dann ist da noch das Essen. Am ersten Feiertag kümmern sich die Herren der Schöpfung um das Abendessen. Es gibt Wiener Schnitzel, Pommes und Salate. Das mag sich nicht sehr weihnachtlich anhören, doch da alle im Advent (meistens mehrfach) schon Gans gegessen haben oder nicht sonderlich erpicht darauf sind, sind die Schnitzel ein guter Kompromiss. Außerdem haben die Männer ihren Spaß an der Arbeit in der Küche. In jedem Jahr machen wir auch ein obligatorisches Küchenfoto (siehe unten), auf dem auch Leute zu sehen sind, die nicht mit helfen.

 

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Vielleicht sieht man es – Weihnachten ist bei uns besinnlich und fröhlich und verspielt und lustig. Es gibt viel gutes Essen, nette Gespräche und viel Familie. Wir freuen uns jedes Jahr wieder darauf.

Für Emma war es schön, aber auch anstrengend. Fast durchgängig wurde Deutsch gesprochen. Da benötigt es viel Konzentration, um immer dabei zu sein. Wenn Emma im Herbst immer mal bezweifelte, ob sie in der Lage sein würde, Deutsch zu sprechen, habe ich immer wieder gesagt, sie solle bis Weihnachten warten. Dann könne sie auch mit Menschen sprechen, die kein Englisch sprechen können. Am Ende des Austauschjahres würde sie Deutsch fast fließend können. Vermutlich hat sie meine Aussage bezweifelt. Aber ich habe recht behalten. Inzwischen kann sie sich weitestgehend problemlos mit meinen Eltern unterhalten. Hier und da wird nachgefragt. Inzwischen ist es aber nicht mehr schlimm für sie, wenn sie Artikel oder Fälle verwechselt. Das kommt in  den besten Familien vor. Und wozu hat man (Gast-)Brüder, wenn nicht, damit man korrigiert werden kann? In diesem Sinne: May your days be merry and bright – and may all your Christmasses be white!

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